Archiv der Kategorie: Allgemein

Moderner Tanz

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Choreografie: Lucinda Childs / Dance

In allen Tänzen zeigen sich Bilder vom Menschen in ihrer kulturellen und geschichtlichen Prägung. In ihrem Mittelpunkt steht der Körper, der jenseits der Sprache durch den Tanz ein komplexes Wissen über den Menschen vermittelt. Im Tanz wird das Denken nicht als etwas Statisches begriffen, sondern als ein Vorgang innerhalb einer Bewegung. Die Betrachtung des Tanzes bezieht sich damit zunehmend  auf philosophische Gedankengänge der „Leiblichkeit“ von Merleau-Ponty, womit in der Flüchtigkeit des Tanzes ein Erfahrungsraum an der Grenze von Sichtbarem und Unsichtbarem herbeigeführt werden kann.

Darin ist das Unsichtbare nicht nur Nicht-Sichtbares, das von Anderen noch nicht oder nicht mehr gesehen wird, sondern eine Form der Abwesenheit. Damit werden Bezüge zu psychologischen und therapeutischen Bedingtheiten möglich, in denen ebenfalls das Nicht-Gesagte oder Nicht-Vorhandene die Bedeutung mitbestimmt.

Eine Form der Abwesenheit, die Winnicott als „intermediären Raum“ bezeichnet. In diesen fließen in gleicher Weise innere Realität und äußeres Leben ein. Damit stellt Winnicott eine Grundlage zur Verbindung von Tanz und Therapie bereit. So werden Zusammenhänge sichtbar, die sich andernfalls der Wahrnehmung entzögen.

Erfahrungen von Zeitlichkeit und Vergänglichkeit lassen sich damit ebenso vermitteln, wie die der räumlichen Leere und eines Zustands des Dazwischen sowie die der Zwischenleiblichkeit.


Ausdruckstanz


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Mary Wigman, Allegro con brio, 1920 und Tanz des Leidens, 1930

Der nach hinten gebeugte große Bogen, der „arc en cercle“ als leidenschaftliche Ausdrucksgebärde. Diese Gebärde erscheint im Tanz in der von Freud in Hypnose versetzten „Traumtänzerin Madeleine“,  die seine Lehre und insbesondere die der Hysterie beeinflussen wird.

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„Hexentanz“ 1926

Der Ausdruckstanz steht in enger Verbindung zum Expressionismus des 20. Jahrhunderts in Deutschland, der als generelle Aufbruchsstimmung gegen die bürgerliche Ordnung gerichtet war. Als Erlebniswelt des Individuums stellt er die seelische Befindlichkeit des Menschen in den Mittelpunkt der künstlerischen Darstellung. Im Ausdruckstanz gelangt sie zur körperlichen Darstellung und wird zum Ausdrucksmittel von Lebens- und Leidensthemen. Die formgebende symbolische Kraft des Tanzes wird zum Ausdrucksmittel, womit höhere Bewusstseinsebenen des menschlichen Daseins angesprochen werden, analog den gedanklichen Strömungen von Nietzsche und Freud.

Der Ausdruckstanz kann damit als erste choreografische tänzerische Eigenleistung im mitteleuropäischen Raum verstanden werden. In ihr findet die Auseinandersetzung mit der „Triebwelt des Menschen“ durch die Tanzkunst ihren körperlichen Ausdruck. Darin ersetzen die Ausdrucksästhetik und der Rhythmus die Schönheit und Grazie des klassischen Tanzes.


Bewegungsanalyse Rudolf von Laban


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Rudolf von Laban beginnt sich frühzeitig für Anatomie und dem Zusammenspiel von Knochengerüst und Muskeln sowie ihren harmonischen Gesetzmäßigkeiten zu interessieren. Ihn zeichnet eine pädagogische und kulturell-aufklärerische Mission aus, beeinflusst von mystischem und philosophischem Gedankengut. 1923 gründet er in Hamburg die erste Laban-Tanz-Schule. Weitere folgen in anderen Städten. In ihnen verbreitet er seine Ideen des Laientanzes und seiner Bewegungschöre. Der Nationalsozialismus macht sich anfangs diese choreografischen Aspekte zu Nutze, erkennt aber bald deren emanzipatorischen Character. Aufgrund seiner  politischen Verfolgung emigriert er über Frankreich nach England, wo er seine Arbeit bis zu seinem Tode im Jahre 1958 fortsetzt.

Von Laban beginnt theoretisch und praktisch die Gesetzmäßigkeiten der Bewegung zu erforschen. Dabei helfen ihm die Studien altgriechischer Philosophen und pythagoräische Theorien der Harmonie. Diese erlauben ihm, den Körper als eine ideale geometrische Figur in einen Ikosaeder zu stellen. Dieser wird gleichermaßen den körperlichen Proportionen wie auch den meistgenutzten Raumrichtungen gerecht.

Er entwickelt eine „Notenschrift der Bewegung“, eine Theorie der Antriebslehre und letztlich ein sehr komplexes System als Lehre von der  Dynamik menschlicher Bewegung. Sein zentraler Gedanke ist eine universale schöpferische Gebärdenkraft des Menschen, deren tänzerisches Sein zu einem Mittelpunkt der Erkenntnis führt.


Zeitgenössischer Tanz


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Tänzerinnen des CDSH im Sprechwerk Hamburg, Foto: Sabine Hanse

Der Zeitgenössische Tanz zeichnet sich durch eine besondere Vielfalt und einen außergewöhnlichen und interkulturellen Facettenreichtum aus, wodurch er schwer zu definieren und tanzgeschichtlich kaum einzuordnen ist. Die Choreografien unterscheiden sich in Tanzstilen und Ästhetiken, die sich über vielseitige Körperbewegungen und choreografische Kompositionsprinzipien definieren. Ihr Spektrum reicht von der Virtuosität des Tanzes bis zum Nicht-Tanz, von Populärtänzen bis zur klassischen Tanztechnik des Balletts.

Alle Tanzstile verästeln sich zu einer hybriden Mischung in multidisziplinärer Weise. So entstehen eine ständige Veränderung und ein kontinuierlicher Wandel von Form und Denken bis hin zur Einbeziehung neuer Technologien. So entsteht ein großes kreatives Potential im Tanz mit einer sich ständig weiter entwickelnden innovativen Dynamik, in der der Körper in den Mittelpunkt der künstlerischen Praxis rückt und das Bewusstsein für die Realität stärkt. Grundlage sind der Postmoderne Tanz des Judson Dance Theaters der 60er Jahre in den USA und die Entwicklungen des Tanztheaters in Deutschland. Es entsteht eine Situation in welcher der Zuschauer nicht mehr nur noch Empfänger und der Künstler nicht nur noch Bedeutungsträger ist.

Supervisionsseminar

In diesem Seminar kommen unter fachspezifischer Supervision, tanztherapeutische Fragestellungen aus der Praxis zur theoretischen Betrachtung und gegebenenfalls zur praktischen Umsetzung. Dabei stehen Themen zur Diagnostik, die Bedeutung von kreativen Medien und der Bezug zur tänzerischen Projektarbeit im Vordergrund ebenso wie die Planung und Durchführung von tanztherapeutischen Angeboten.

Berücksichtigt werden die innerhalb des tänzerischen Bewegungsgeschehens auftretenden Übertragungsphänomene und die in diesem Zusammenhang stehende professionelle verbale Begleitung. Grundsätzlich prägen die tanztherapeutischen Fragestellungen der Teilnehmer den Verlauf dieses Seminars.

Für alle Personen, die professionell an diesen Fragestellungen interessiert sind und für Absolventinnen der Weiterbildung am PITTH. Bescheinigung zur Fortbildung.

Termin: 11. – 12. September 2021
Leitung: Anna Pohlmann
Zeit: Samstag von 10 – 20 und Sonntag von 10 – 16 Uhr
Kosten: 200 Euro

zur Anmeldung

Tanzanleitungsseminar

Das prozessorientierte Anleiten von Tanz- und Bewegung in Gruppen und im Einzelkontakt ist eine Voraussetzung der tanztherapeutischen Arbeitsmethode. Als Kunsttherapie kommen dabei Fragen zur Anleitung unterschiedlicher Tanzstile und zur künstlerischen Projektarbeit innerhalb einer therapeutischen Arbeitsweise zur Anwendung.

Sie bieten die Möglichkeit sich im Anleiten von Tanz- und/oder Bewegungsinterventionen zu erfahren und Fragen aus der Praxis von Tanztherapie unter Supervision vertiefend zu reflektieren. Dieses Seminar ist sowohl für TanztherapeutInnen aus der beruflichen Praxis als auch für Absolventen der Weiterbildung geeignet. Es ebenfalls für Personen aus anderen tänzerischen und/oder therapeutischen Berufsfeldern geeignet. Anmeldung erfolgt schriftlich oder per mail.

Termin: Samstag 30. – Sonntag 31. Oktober
Leitung: Anna Pohlmann
Zeit: Samstag 10h – 20h und Sonntag 10h – 16h
Kosten: 200 Euro

zur Anmeldung

Zulassungsseminar

Der Einstieg in den Grundkurs und die Anmeldung zur Weiterbildung erfolgt nach der erfolgreichen Teilnahme an einem Zulassungsseminar. Mit entsprechenden Voraussetzungen ist der Einstieg in einen laufenden Kurs eventuell möglich, dann erfolgt die Aufnahme ebenfalls über die Teilnahme an einem Zulassungsseminar. Grundsätzlich ist dieses als ein beiderseitiges Auswahlseminar aufzufassen. Es vermittelt in Theorie und Praxis als Selbsterfahrung die Arbeitsweise des Instituts und beinhaltet unter anderem die tanztherapeutische Arbeit mit Märchen. Ein tabellarischer Lebenslauf mit den wichtigsten Lebensdaten und dem beruflichen Werdegang sollten vorliegen. Die Anmeldung kann schriftlich oder per mail erfolgen.

Zeit: Samstags von 9 – 21 Uhr        Kosten: 150 Euro

zur Anmeldung

 

Authentic Movement

Mit der Methode des Authentic Movement können unter Einbeziehung tanztherapeutischer Methoden tiefgehende individuelle Probleme  sich durch gruppendynamische Prozesse verändern, so dass der Bezug und der Umgang mit den Anforderungen der Außenwelt in positiver  Weise beeinflusst wird. Die fortlaufende Jahresgruppe stärkt das „Selbstempfinden“  und führt somit zu einer tragfähigen persönlichen Sicherheit und zu einem stabilen Umgang mit konflikthaften Prozessen. Im „Spiegelbild der Anderen“ wird der Körper als emotionaler und materieller Erfahrungsraum wiederbelebt.

Die Methode wurde von Mary Stark Whitehouse (USA) begründet und von Janet Adler (USA) weiter entwickelt. Durch die Beziehung zwischen einem „Mover“ mit geschlossenen Augen während der Bewegung und einem „Witness“ als aufmerksamer Begleiter werden in der freien Improvisation sowohl verborgene Bilder wiederbelebt als auch verschüttete Prozesse zu tiefen Schichten der Erinnerung möglich.  Die Erfahrungen werden unter Beachtung einer wertfreien und nicht interpretierenden Kommunikationsweise verbalisiert, was zur fortschreitenden Selbsterkenntnis führt. Am Institut werden mediale Ausdrucksformen und spezifische Methoden der Tanztherapie prozessorientiert in die Methode des Authentic Movement einbezogen. Sie verhelfen dazu eine dreidimensionale Struktur des Koerpers erfahrbar zu machen, womit durch das Erleben von Koerpergrenzen eine Stabilisierung der Persönlichkeit gegeben ist, die zu Erlebnissen von tiefergehenden Prozessen die erforderlichen Voraussetzungen schafft. Somit  ist die Teilnahme an diesen Gruppen für einen weiten Personenkreis möglich.

Tanztherapie und Märchen

Das Märchen „Schneewittchen“ der Gebrüder Grimm ist die Geschichte weiblicher Adoleszenz innerhalb einer Elternbeziehung, in der uns von Beginn an das negativ narzisstische Element aufgezeigt wird. Hier begegnen uns die vielfältigsten Schwierigkeiten weiblicher Entwicklung, aber auch männlicher – väterlicher – Versagung. Das sich daraus entwickelnde Drama des Neides thematisiert in bestimmender Weise auch heute noch bedingt unser Beziehungsverhalten. Somit werden wir uns mit Fantasien, Gedanken, Bildern, Empfindungen und dem tänzerischen Bewegungsausdruck diesem Märchen als Geschichte von Vernichtungsplänen, Mordanschlägen und einer passiven Heldin in kreativer und „bewegender“ Weise nähern, um so eventuell unserem eigenen Drama zu begegnen. Letztendlich um durch die Begegnung mit unseren inneren Konflikten, den bösen und destruktiven Seiten unserer Persönlichkeit, zu einer neuen und erfüllten Phase des Weiblichen zu gelangen. Je nach Verlauf, werden Aspekte des Märchens bzw. Mythos „Amor und Psyche“ von Apuleius inhaltlich mit einbezogen sowie auf der methodischen Ebene vielfältige kreative Medien und eventuell Aspekte des Authentic Movements.
2017 kein Angebot

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Therapie mit Muttergöttin – Das indische Selbst ist losgelöst von Raum und Zeit

gekürzte Fassung
aus Zeit Online – Wissen
von Sudhir Kakar

Bei meinen Reisen in  Europa und den Vereinigten Staaten werde ich oft gefragt, ob Psychoanalyse überhaupt möglich sei in einer traditionellen nichtwestlichen Gesellschaft, die sich in ihren Familienstrukturen und in ihren religiösen und kulturellen Werten so sehr vom bürgerlichen Westen unterscheidet, wo die Psychoanalyse entwickelt wurde. Ich gebe nicht die einfache Antwort, dass indische Analytiker in westlich-modernen Inseln wie Delhi, Bombay, Kalkutta und Bangalore praktizieren. Dort, unter den Angehörigen der Ober- und oberen Mittelschicht, gibt es genügend viele Patienten, die das Freudsche Bild vom Menschen und von den Ursachen seines Leidens akzeptieren und den Analytiker als ihren Verbündeten betrachten, der ihnen helfen soll, ihre Individualität zu verwirklichen.

Ich weiß, dass der Frager wissen will, welche Bedeutung die Psychoanalyse für die Mehrheit der Inder hat, die in ihrer Kultur tief verwurzelt sind. Daher antworte ich: Ja, das traditionelle Indien ist in der Tat sehr anders. In Indien spielt die Großfamilie eine viel größere Rolle als die Kleinfamilie, Muttergöttinnen sind wichtiger als ein Vatergott, der Mensch gilt nicht als Individuum mit einer eigenen Persönlichkeit, sondern als inter- und transpersonales Geschöpf. Außerdem gibt es wesentliche Unterschiede zwischen dem traditionellen Indien und dem modernen Westen, was die Vorstellung von einem erfüllten Leben angeht. Meine Erfahrung mit traditionellen indischen Patienten sagt mir aber, dass Psycho–analyse möglich ist. Man muss nur »die erforderlichen Anpassungen vornehmen«, wie jener indische Astrologe erklärte, als man ihn fragte, wie er Horoskope stelle, wo doch neue Planeten entdeckt worden seien, die in seinem überkommenen System nicht existierten.

Manche dieser Anpassungen betreffen die Theorie. Der indische Analytiker muss erkennen, dass einige psychoanalytische Vorstellungen von psychischer Reife, sozialem Verhalten, »positiven« oder »negativen« Lösungen von Entwicklungskonflikten und Komplexen (wie etwa dem Ödipuskomplex), die meist als universelle Wahrheiten daherkommen, tatsächlich Ausdruck von Erfahrungen und Wertbegriffen des europäischen Bürgertums sind.

Andere Anpassungen beziehen sich eher auf technische Aspekte. Beispielsweise wird in der traditionellen indischen Kindererziehung und in den sozialen Beziehungen Wert auf ein enges, symbiotisches Miteinander gelegt. Was der indische Patient vom Analytiker erwartet – Mitleid und Interesse, Wärme und Anteilnahme –, entspricht eher dem, was er von einem Guru erwartet, als dem westlichen Arzt-Patienten-Verhältnis. Ein indischer Analytiker, der seine Patienten behalten will, kann solche kulturellen Erwartungen nicht ignorieren, sondern muss seine therapeutische »Neutralität« innerhalb dieser Parameter gestalten.

Bei vielen traditionell orientierten indischen Patienten ist die Psychoanalyse aber vor allem deshalb möglich, weil sie, ebenso wie die Patienten im Westen, eine psychologische Modernität besitzen. Diese Modernität ist nicht mit historischer Modernität zu verwechseln, und sie ist auch nicht das Ergebnis der europäischen Aufklärung. Psychologische Modernität heißt, dass der Einzelne erkennt, dass er ein eigenes, komplexes Bewusstsein besitzt.

Es ist die Erkenntnis (und sei sie noch so vage, widerwillig oder konfliktbeladen), dass es subjektive Gefühle und Empfindungen (wie Zorn, Neid und Habgier) sind, die Leiden verursachen, und dass das eigene Bewusstsein helfen kann, gestörte Gedanken und Gefühle im Zaum zu halten und zu bearbeiten.

Traditionsbewusste Hindus würden dem zustimmen und darauf verweisen, dass menschliches Leiden durch die fünf Hauptleidenschaften Geschlechtstrieb, Zorn, Habsucht, Schwärmerei und Egoismus verursacht wird. Auch ein Buddhist würde das Leiden auf innere Ursachen zurückführen, auf Wahrnehmungstrübungen infolge von Angst, Habgier und Neid, die allesamt Ausdruck von Festhaltenwollen sind. Ob im traditionellen Indien oder im modernen Westen – die Psychoanalyse ist nur bei »psychisch modernen« Menschen möglich, denen klar ist, dass nicht externe Kräfte (ein zorniger Gott, ein böser Geist, das Karma eines früheren Lebens), sondern sie selbst die Quelle und die potenziellen Heiler ihres seelischen Leidens sind.

Es gibt jedoch eine Schwierigkeit. Für den traditionellen Inder ebenso wie für den modernen westlichen Patienten, der einen Psychoanalytiker aufsucht, ist Introspektion der Königsweg zur Überwindung von seelischen Problemen. Aber die traditionellen indischen Methoden, die verschiedenen psycho-philosophischen Meditationsschulen, sind nicht dasselbe wie die Selbsterforschung, die in der Psychoanalyse gefordert wird. Die Psychoanalyse, eine abendländische Wissenschaft, stützt sich auf die introspektiven Elemente der späthellenischen Philosophie, in der sich das Selbst durch die aktive Betrachtung des eigenen Lebens definierte, wie dies in der sokratischen Formel des »Erkenne dich selbst« zum Ausdruck kommt.

Die Inder, genauer gesagt die Hindus, kennen eine ähnliche Formel – atmanam vidhi (»Erkenne dein Selbst«), doch das Selbst (atman) unterscheidet sich wesentlich von dem, was Sokrates darunter versteht. Es ist ein metaphysisches, kein biografisches Selbst, losgelöst von Zeit und Raum und daher ohne die lebensgeschichtliche Dimension, die der Kern der Psychoanalyse ist.

Ein traditioneller Inder ist daher psychologisch modern, aber er muss nicht psychologisch bereit im psychoanalytischen Sinne sein. Ganz abgesehen von den introspektiven Fähigkeiten, die der einzelne Patient, ob Europäer oder Inder, mitbringt, muss also die biografische Introspektion erlernt werden, sodass ein indischer Analytiker zunächst sehr viel didaktischer vorgehen wird als sein westlicher Kollege. Und wenn sich sein Patient immer wieder sträubt, den Weg zum biografischen Selbst zu beschreiten, kann sich der indische Analytiker jedes Mal mit dem Gedanken trösten, dass Freud selbst den Beruf des Psychoanalytikers als einen von drei unmöglichen Berufen bezeichnet hat. Allerdings wird er Freuds Worte kaum mit der gleichen befreienden Ironie verwenden können.

Aus dem Englischen von Matthias Fienbork

Sudhir Kakar lebt als Psychoanalytiker in Goa, Indien. Er lehrte an zahlreichen herausragenden Universitäen in USA, Asien, und Europa auch am Wissenschaftskolleg zu Berlin. Seine Bücher wurden in 21 Sprachen übersetzt und ergehört zu den 25 renommiertesten Intellektuellen unserer Zeit. Zuletzt ist bei C.H. Beck von ihm erschienen: „Freud lesen in Goa“ (2008)